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Osteopathie & Ich oder "Was mich ausmacht"


Meine erste Begegnung mit der Osteopathie bzw. einem Osteopathen hatte ich in meiner frühen Jugend. Retrospektiv kann ich diesen Moment und die darauffolgenden als Schlüsselerlebnisse für den weiteren Verlauf meines Lebens bezeichnen. Dieser Schlüssel trägt die Aufschrift „Wissen und Weisheit“ oder „wie möchtest Du der Welt begegnen?“. Ich erinnere mich an das Gefühl einem Menschen mit großem Wissen, nicht nur in Bezug auf die Medizin, sondern vielmehr in Bezug auf die ganze Welt zu begegnen. Ich erinnere mich an das Gefühl begleitet, erkannt und trotzdem frei gelassen zu werden in den Prozessen meiner individuellen Gesundheit. Ich erinnere mich an ein Gefühl einer nahezu stillstehenden Zeit und von Geborgenheit.

Gegen Ende meiner Schulzeit und vor einer 15monatigen Reise verwarf ich meine Pläne Medizin zu studieren und entschied mich, mit meinem Schlüssel im Gepäck, den Weg in Richtung Osteopathie einzuschlagen, mit dem Ziel eines Tages Menschen das zu geben was ich geschenkt bekommen hatte. Osteopathin werden und Osteopathin sein hat mich seit diesem Tag nicht mehr losgelassen. Heute stelle ich mir bisweilen die Frage: Höre ich auf Osteopathin zu sein, wenn ich nach Hause gehe? Während meines Studiums (B.Sc. und M.Sc. an der OSD Berlin) durfte ich immer wieder in die Praxis, in der ich einst der Osteopathie das erste Mal begegnet war, zurückkehren, beobachten, mitbehandeln und lernen. Ich durfte und darf erfahren, dass Osteopathie so viel mehr Facetten hat als „ich kenne mich bis ins kleinste Detail mit der Anatomie und ihren Zusammenhängen aus“. Ich durfte und darf sehen wie viel Kraft in Menschen steckt, die sich in den verschiedensten Gesundheitsberufen bewegen – in persönlichen Begegnungen, der Interaktion mit meinen StudentInnen und vor allem als Teilnehmerin und Organisatorin der Sommerakademie für Integrative Medizin an der UWH. Ich durfte und darf erleben, dass ich mich gerne in so vielen Feldern weiterbilden möchte und da so viele Berufe sind, die mich anlächeln, wie beispielsweise das Hebammenwesen oder die Sterbehilfe, um doch immer wieder zur Osteopathie zurück zu kehren und sie als meinen Ausgangspunkt zu verstehen.

Was bedeutet dieser Ausgangspunkt also für mich? Was bedeutet es für mich Osteopathin zu sein und immer mehr Osteopathin zu werden?


(Eine kleine Anmerkung: im Folgenden geht es nicht um eine Definition von Osteopathie, sondern vielmehr darum welche Eigenschaften ich persönlich mit dem Osteopathin sein verbinde. Auch kann die Aufzählung nicht vollständig sein und soll es auch nicht, denn ich lerne und werde lernen.)





Neugierde für die Welt und der darin lebenden Wesen. Neugierde für den Menschen in seiner Ganzheit, im Kontext seiner individuellen Umwelt und der Interaktion zwischen Innen und Außen. Neugierde bedeutet auch mutig sein, um das Bekannte zu verlassen und nicht nur über den Tellerrand zu schauen, sondern manchmal auch vom Rand ins Ungewisse zu springen, um Transformation zu ermöglichen, Zusammenhänge zu sehen und Menschen in ihren individuellen Gesundheitsprozessen zu begleiten.

In Berührung sein zuerst einmal mit meiner Innen- und Außenwelt. Und dann natürlich in der Interaktion mit meinen Patient*innen, verbal, non-verbal und über die Berührung mit meinen Händen.

Eine wahre Begegnung funktioniert für mich nur durch Geduld, aktives Zuhören und Sprechen im Hier und Jetzt, um die Möglichkeit für Veränderung für den Moment und darüber hinaus auch für die Zukunft zu erschaffen. Dafür braucht es einen geborgenen Raum und Zeit.

Lernen und Lehren bildet einen Grundbaustein meiner osteopathischen Praxis. Nur wer lernt, verlernt und neu lernt kann sich weiterentwickeln und bewegen, kann lebendig sein. Ebenso ist es mit dem Lehren. Erkenntnisse weitergeben, teilen und aus der Interaktion, dem Feedback reflektierend weiter lernen, um das osteopathische Handeln zu präzisieren, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren, zu wissen wer etwas ergänzen kann oder auch besser weiß.

Demut und Dankbarkeit für jedes Wesen, jedes Menschsein, für das Wunder der Gesundheit und für das mir entgegengebrachte Vertrauen.


Gesundheit möchte sich zu jedem Zeitpunkt ausdrücken. Ich sehe es als meine Aufgabe dafür einen Raum zu schaffen und an den Stellen unterstützend zu wirken an denen es dieser Unterstützung wirklich bedarf. Für mich ist dies Arbeiten auf Augenhöhe, ein Zusammenfließen verschiedener Expertisen.


An dieser Stelle möchte ich mit drei Zitaten schließen, die mich in den letzten Jahren auf meinem Weg der Osteopathie begleitet und sicherlich geformt haben:


„Das echte Gespräch startet mit Neugierde. Und zwar nicht darauf, was ich dokumentieren will, sondern Neugierde auf den Menschen. Es geht um das Wachhalten der Überraschungsfähigkeit so hat es Sigmund Freud genannt. Ein Gespräch ist das Zulassen einer echten Begegnung. Und das heißt eben, das Regelartige hinter sich zu lassen, die Typisierung, das Schubladendenken zu vermeiden.“

(Giovanni Maio in einem Interview)


„Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“ (Friedrich Nietsche, aus Also sprach Zarathustra)


„Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben

Sucht erst den Geist herauszutreiben

Dann hat er die Teile in seiner Hand

Fehlt, leider! nur das geistige Band.“

(Johann Wolfgang v. Goethe, aus Faust)



Fotografie: Manoel Eisenbacher

Mind Map: Regina Backes








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