Osteopathie in der Schwangerschaft



Seit Anbeginn der Osteopathie stellt die Gynäkologie (Frauengesundheit) ein elementares osteopathisches Tätigkeitsfeld dar. Schwangerschaft und Geburt sind natürliche Prozesse, welche in bestimmten Fällen Unterstützung bedürfen. Neben der Begleitung durch eine*n Gynäkologin, eine*n Hebamme und eventuell eine Doula stellt die Osteopathie eine Ergänzung bzw. Erweiterung dar.




In der Schwangerschaft kommt es zu physiologischen und strukturellen Veränderungen des Körpers mit Einfluss auf das alltägliche Leben (Lavelle 2012). Zu nennen sind u.a. Gewichtszunahme, posturale Veränderungen, Veränderungen des Gewebes, der Atemfunktion und Hormonhaushalts (Kofler 2003). Diese Anpassungen des Körpers an die neue Situation können, müssen aber nicht (!) zu Beschwerden führen. Beispiele für schwangerschafts assoziierte Beschwerden sind: Übelkeit, Erbechen, Verdauungsbeschwerden, Sodbrennen, Symphysenschmerzen, Rückenschmerzen, Ischialgie, Hüft- und Beckenschmerzen, Blasenfunktionsstörungen wie Inkontinenz, Kopfschmerzen und depressive Verstimmung (Frawley et al. 2016; Resch 2003).


Gillemont (2003) und Lavelle (2012) nennen eine Vielzahl von Einsatzgebieten der Osteopathie in der Schwangerschaft:


Das Lösen von Verspannungen, Blockierungen und Verklebungen und darüber eine Einflussnahme auf die ungehemmte Entwicklung des Kindes.


Vorbereitung des Gewebes auf den Geburtsvorgang und Beseitigung von Hindernissen im Geburtskanal für ein beschwerdefreie Geburt (Verkürzung der Geburtsdauer, geringeres Risiko für Geburtskomplikationen, verminderte Kaiserschnittrate (Lenz 2003)).


Korrektur einer Fehllage des Babys (wenn sie reversibel sind).


Stimulation von Blut- und Lymphfluss z.B zur Behandlung von Wassereinlagerungen, Nierenstauungen und Blasenstörungen.


Behandlung von Schmerzen im Kopf- und Wirbelsäulenbereich.


Unterstützung der Rückbildung nach der Geburt, sowie die Behandlung von Narben (Kaiserschnitt, Dammriss- bzw. schnitt).


Verbesserung der Lebensqualität.



Studienlage: Ein 2016 veröffentlichtes Review (systemische Übersichtsarbeit) von Ruffini et al. fasst die Studienergebnisse von 24 Studien zur Untersuchung der Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen im Zusammenhang mit verschiedenen gynäkologischen Beschwerden dar. 8 der untersuchten Studien bezogen sich auf die Auswirkung osteopathischer Behandlungen auf schwangerschaftsbezogene Faktoren – Lebensqualität, Schmerzreduktion, Herzratenvariabilität und allgemeine Schwangerschaftsbeschwerden. Ein positiver Einfluss der Osteoapthie konnte auf folgende spezifische Zielparameter: Schmerz, Beeinträchtigung und vegetative Funktionen. Zudem konnte Studien ein reduziertes Risiko für Mekonium im Fruchtwasser (Indikator für erhöhten Stress des Babys), seltenere Frühgeburten, geringeren Einsatz von Geburtszangen, verringerte Schmerzen und Einsatz von Medikamenten unter der Geburt, geringere Kaiserschnittraten und Dammrisse- bzw. schnitte aufzeigen. Nachgewiesen ist laut den Autor*innen ausschließlich die Effektivität von Rückenschmerzen in der Schwangerschaft. Bezüglich anderen genannten Einflüsse der Osteopathie ist die Aussagekraft der Studien nicht eindeutig (zu geringe Anzahl der Studien, zu geringe Proband*innenanzahl etc.), jedoch mit Tendenz zu einem positiven Einfluss. Fazit der Autor*innen ist, dass die Osteopathie als sinnvolle Ergänzung in Gynäkologie und Geburtshilfe zum Einsatz kommen kann.

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In meiner Praxis betrachte ich Schwangerschaft und Geburt als natürliche Prozesse, welche an manchen Stellen besonderer Fürsorge bedürfen. Oftmals wird schwangeren Frauen suggeriert sie seien krank, nicht mehr leistungsfähig, nicht mehr zu gebrauchen oder das Wort Schwangerschaft taucht als Diagnose (die Feststellung einer Krankheit) auf. Hier möchte ich zu einem Umdenken motivieren und meinen Fokus auf das „Natürliche“, das „Gesunde“ richten. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig Erkrankungen, die während der Schwangerschaft auftreten oder fortbestehen zu erkennen und bestmöglich zu behandeln.



Literatur:

Frawley, J.; Sundberg, T.; Steel, A.; Sibbritt, D.; Broom, A.; Adams, J. (2015). Therapies Prevalence and characteristics of woman who consult with osteopathic practitioners during pregnancy: a report from the Australian Longitudinal Study on Woman’s health (ALSWH). Journal of Bodywork And Movement 2016 (20), S. 168-172).


Gillemont, B. (2003). Osteopathie in der Schwangerschaft. Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003 (4). S. 40.


Kendi, L. H.; Buchanan, S.; Brown, K. B.; Rodriguez, M; Cruzer, A. (2015). Pregnancy Research on Osteopathic Manipulation Optimizing Tretment Effects: the PROMOTE study. American Journal of Obstetics & Gynecology 2015 (January), S. 108.e1-108.e9.


Kofler; G. (2003). Osteopathy for Back and Pelvic Pain in Pregnancy. Undergraduate Project for the Diploma of the Wiener Schule für Osteopathie (WSO).


Lavelle, J. M. (2012). Osteopathic Manipulative Treatment in Pregnant Woman. JAOA 112 (6), S. 343-346).


Lenz, D. (2003). Osteopathie in der Schwangerschaft: Profitieren Mutter und Kind? Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003 (4), S. 9.


Licciardone, J. C.; Buchanan, S.; Kendi, L. H.;King, H. H.; Fulda, K. G.; Stoll, S. T. (2010). Osteopathic manipulative treatment of back pain and related symptoms during pregnancy: a randomized controlled trial. American Journal of Obstetics & Gynecology 2010 (January), S. 43.e1-43.e8.


Mogren, I. M.; Pohjanen, A. I. (2005). Low Back Pain and Pelvic Pain During Pregnancy. Spine 30 (8), S: 983-991.


Resch, K.-H. (2003). Gesundheitsstörungen in der Schwangerschaft: Joker Osteopathie? Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 2003 (4), S. 10.


Ruffini, N., D’Alessandro, G., Cardinali, L., Frondaroli, F., Cerritelli, F. (2016). Osteopathic manipulative treatment in gynecology and obstetrics: a systematic review. Complementary Therapies in Medicine 26, S. 72-78.



Fotografie:

Rebecca Thoma



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